Angst

Ich steige in Luzern in den Schnellzug nach Zug. Im übernächsten Abteil sehe ich ein kleines Mädchen. Sie ist vielleicht 8jährig. Bei der Abfahrt des Zuges steht sie auf und winkt am Fenster einer jungen Frau zum Abschied. Das Mädchen geht zurück an seinen Platz. Sie reist ganz alleine. Sie hat ein kleines Rucksäckchen bei sich, ein Plüschtier und ein grosses Kuscheltuch mit Batikmuster. Wir verlassen mittlerweile den Bahnhof. Das kleine Mädchen nuckelt am Daumen und kuschelt mit Plüschtier und Decke.

Ich bin selber Vater von zwei Mädchen in ähnlichem Alter. Ich überlege mir, mich zu dem Mädchen hinzusetzen und etwas ins Gespräch zu kommen. Ich denke, das könnte ihr die Angst vielleicht etwas nehmen. Im selben Moment kommen mir die Schlagzeilen der vergangenen Wochen zu dem vermissten Mädchen in den Sinn. Ich überlege mir, was wohl die Mutter dem Mädchen gesagt hat, wie es sich verhalten soll: «Sprich nicht mit Fremden!»

Mache ich ihr noch mehr Angst, wenn ich zu ihr gehe? Bin ich nicht einfach schon verdächtig, weil ich als Mann zu dem Mädchen gehe? Wie reagieren die Leute im Zug? Wieso mache ich nicht das Natürlichste und Naheliegendste?

Fragen der Angst. Ich bleibe sitzen.

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