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Über sinnsorger

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Christsein – Bonhoeffer

„Christsein heisst nicht, in einer bestimmten Weise religiös sein, auf Grund einer inneren Methodik etwas aus sich machen, sondern es heisst: Menschsein.

Das Christliche ist nicht etwas jenseits des Menschlichen, sondern es will mitten im Menschlichen sein. Das Christliche ist ja nicht Selbstzweck, sondern es besteht darin, dass der Mensch als Mensch vor Gott leben darf und soll.

Der Christ hat sein Betätigungsfeld in der Welt. Hier soll er anfassen, mitschaffen und wirken, hier den Willen Gottes tun. Darum ist der Christ nicht ein resignierter Pessimist, sondern einer, der in der Welt freudig und heiter ist.“

Dietrich Bonhoeffer

Einheit und Eindeutigkeit

Vom 18.-25. Januar 2012 sind wir aufgefordert für die Einheit der Christ/innen zu beten.Einheit wird von vielen Leuten oft mit Einheitlichkeit und Eindeutigkeit gleichgesetzt. Die christlich-theologische Tradition hat mit dem Bild von der Trinität (Dreieinigkeit) und mit der Entscheidung für vier und nicht für ein einziges Evangelium ein starkes Zeichen für Vielfalt als wichtiges christliches Konzept gesetzt.

An einen dreieinen Gott glauben heisst, darauf vertrauen, dass Gott EINER bleibt, auch wenn wir uns verschiedene Bilder von ihm machen. Es heisst, darauf vertrauen, dass die Welt EINE bleibt, auch wenn es verschiedene Deutungen von ihr gibt.

Denn Bedeutung gibt es nicht per se. Be-Deutung wird gegeben. Unsere Wahrnehmung ist nach den Erkenntnissen der  Hirnforschung und der Kommunikationpsychologie vielmehr eine «Wahrgebung» (Gunther Schmidt). D. h. wie wir die so genannte Wirklichkeit beschreiben hängt nicht nur von dem ab, was „aussen“ passiert. Wie wir die Welt beschreiben wird wesentlich mitbestimmt von unseren Erfahrungen und damit verbundenen Gefühlen. Sie entscheiden, wie die Sinnesreize von unserem Hirn eingeordnet werden.

Im Hirnareal für das Sehen z. B. haben ca. 80% der Zellen keine direkte Verbindung nach aussen. Sie sind also quasi «blind», aber an dem Vorgang, den wir «Sehen» nennen, sehr aktiv mit beteiligt.

Nur wer diese Erkenntnisse ignoriert, kann für Einheitlichkeit und Eindeutigkeit plädieren und nicht merken, dass er seine individuelle von seinen Erfahrungen geprägte Perspektive zur alleinseligmachenden erklärt.

Den Aufruf zu Einheit verstehe ich darum v. a. als Aufruf zu einem bescheidenen Dialog. Im Bewusstsein, dass unsere Bilder von der Welt und von Gott immer Interpretationen sind, kann uns der Dialog bereichern. Der Dialog ist unverzichtbar, weil nur er uns eine Vielfalt von Bildern zugänglich macht und uns so zu einer grösseren Perspektive und zu einem «ganzeren» Gottesbild verhelfen kann.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 12-4/5

Etikettenschwindel

«Nicht überall wo Gott drauf steht, ist Gott drin. Und umgekehrt.» So habe ich einmal in einer spontanen Abwandlung eines Satzes aus einem Fernseh-Werbespot formuliert. Dieser anfangs nicht ganz so ernst gemeinte Satz begleitet mich mittlerweile schon ein paar Jahre. Heute brauche ich ihn mit Überzeugung oft in Situationen, wo ich mit Leuten zu tun habe, die mit dem traditionellen Gottesbild Mühe haben, wie sie es von der Kirche und ihren Vertretern erleben oder erlebt haben.Diese Männer und Frauen haben Situationen erlebt, in denen viel von Gott die Rede war, aber wenig von seiner guten, die Menschen befreienden, lebenspendenden Kraft, die wir «Geist» nennen. Sie haben sehr oft ein ganz gutes Gespür für das, was wir Theologen «Gott» nennen. Sie finden es aber unpassend, ihre Erfahrung mit diesem Wort zu bezeichnen. Denn zu oft haben sie erlebt, dass das Wort «Gott» geradezu das Gegenteil von seinem eigentlichen Sinn bedeutet und bewirkt hat.

Diejenigen, die es im Munde führten, taten sich eher durch Einschüchterung und Machtmissbrauch oder durch Selbstrechtfertigung im Namen des Allmächtigen hervor, statt die Menschen, jedes einzelne Gegenüber als Gottes geliebte Geschöpfe zur Liebe zu ermächtigen.

Ich sehe hier als Theologe für mich eine doppelte Aufgabe:

Erstens diese Menschen dabei zu unterstützen, für sich eine neue Sprache zu finden, mit der sie ihre Erfahrung in Worte bringen können. Damit sie nicht wegen eines missbrauchten Wortes die damit verbundene Erfahrung und Wirklichkeit verlieren.

Und zweitens in der Erfahrung und in den errungenen Worten dieser Menschen einen wichtigen Beitrag zu entdecken. Einen Beitrag dazu, der letztlich nicht beschreibbaren Wirklichkeit Gottes in immer neuen und vielfältigen Bildern näher zu kommen.

Nur so bleibt Gott lebenswirksam und mehr als eine nette oder gar falsche Etikette!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 11-49

 

Politik und Religion

«Politik hat in der Kirche nichts verloren und die Kirche hat in der Politik nichts verloren!»In der Politik geht es um die Gestaltung unserer Gesellschaft. Wenn aber Religion mit der Welt, in der wir leben, und ihrer Gestaltung nichts mehr zu tun hat, was hat sie dann überhaupt mit meinem Leben zu tun?

Schon seit dem Mittelalter prägt der Konflikt zwischen Kaiser oder Papst den Lauf der Geschichte. Oft wurde die religiöse Macht der Kirche von den politischen Machthabern für ihre Interessen missbraucht und umgekehrt haben religiöse Führer unter dem Schutz politisch-militärischer Kräfte ihre persönlichen Ziele erreicht. Ein kritischer Blick auf das Verhältnis zwischen Politik und Religion lohnt sich also auf jeden Fall.

Es geht im Kern um die Frage der Macht: Wie werden wir wirksam in der Welt? Es kann nicht darum gehen, Macht einfach zu verdammen. Macht bedeutet nämlich immer auch Gestaltungsmöglichkeit. Es geht vielmehr um einen bewussten Umgang mit der Macht und um ihre gute Regelung.

Meine persönliche Freiheit ist der Ort, wo ich individuelle Macht und Wirksamkeit entfalten kann. Diese Freiheit ist uns, biblisch verstanden, von Gott geschenkt. Darum  gehört zu dieser Freiheit immer auch Verantwortung: Das Bewusstsein, dass ich Teil eines grösseren Ganzen bin.

Darum muss es in der Demokratie auch übergeordnete Werte geben, die nicht demokratisch verhandelbar sind, weil ohne sie der der Demokratie die Grundlage entzogen würde: Menschenwürde und daraus folgend grundlegende Gleichheit und Gerechtigkeit. Freiheit macht nur in diesem Rahmen Sinn.

Darum nutzen Sie ihre politische Freiheit: Gehen Sie an die Urne und nehmen sie Ihre Rechte und Ihre Verantwortung für die Welt mit Blick auf das Ganze wahr!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 11-42/43

Positive Theologie

Anfang Juli nahm ich teil an einem Symposium für Positive Psychologie in Zürich. Die Positive Psychologie ist nachhaltig geprägt vom amerikanischen Psychologen Martin P. Seligman. Ihr Anliegen ist die Ergänzung einer traditionell eher negativ auf Krankheit und Defizit hin orientierten Psychologie. So versucht sie dieser ein korrigierendes Element entgegen zu halten. Es interessiert sie nicht einfach nur, was Menschen psychisch krank macht und was gegen diese Krankheiten hilft. Sie will vielmehr herausfinden, was Menschen psychisch gesund erhält und was ihr Leben erblühenlässt.

Aus seinen Forschungen hat Seligman für seinen Neuansatz der Positiven Psychologie das Merkwort PERMA entwickelt. Es steht für

Positive Emotions                 – positive Gefühle

Engagement                        – befriedigender Einsatz, Flow

Good Relations                    – gute Beziehungen

Meaning                             – Sinn

Accomplishment                  – Zielerreichung, Wirksamkeit

Diese fünf Elemente machen es aus, ob Menschen ihr Leben als gelingend empfinden. Wo erleben Sie PERMA?

Als Theologe komme ich nicht darum herum, auch zu fragen, wie ich in meiner Arbeit PERMA ermöglichen kann. Dazu will ich die biblischen Texte und unsere Traditionen daraufhin lesen, wie sie einer solchen «Positiven Theologie», die eine im besten Sinn befreiende Theologie ist, zuträglich sein können.

Die Botschaft Jesu stellt Gottes Reich ins Zentrum: gelingendes Leben für alle Menschen. Gott will, schöpferisch, tragend und Leben spendend in die Welt mitten unter uns Menschen kommen.

Für uns als Kirche heisst das, dass wir uns darum bemühen sollten, Ermutigung, Ermächtigung, Beteiligung, Freude, Gemeinschaft, gemeinsame Verantwortung zu ermöglichen und zu fördern. Sind Sie dabei?

Pfarreiblatt Zug Kolumne 11-30/31

heiliges brot

Eine meditative Kolumne zum Weissen Sonntag

 

hoffnungsvoll säen
und auf die kraft der erde vertrauen

aufgehen sehen
und mit dem teilerfolg umgehen

geduldig wachsen lassen und pflegen
sonne und regen das ihre tun lassen

aushalten dass was unkraut ist
erst am ende klar wird

freudig und dankbar ernten
was ohne eigenes zutun gewachsen ist

beim dreschen und mahlen sich anstrengen
um das beste aus dem korn heraus zu holen

den teig gründlich mischen
das richtige verhältnis finden

ausdauernd kneten
eigene kraft hinein geben

ruhen lassen
gehen und geschehen lassen

ein feuer entzünden
den ofen einheizen

selber ruhen
nichts tun aushalten

einen laib formen
gestalten und gestaltet werden

beim backen durch die hitze
verwandelt werden

sich aufmerksam am geruch freuen
und den geschmack erahnen

beim hinein beissen
das verheissungsvolle knuspern hören
und genussvoll das frische brot schmecken

ganzheitlich genährt werden
um selber nähren zu können

beim gemeinsamen essen
beheimatung und gemeinschaft erfahren

 

IM BROT IST DAS GANZE LEBEN DRIN

kein wunder sagen wir

IN DIESEM BROT IST GOTT SELBER DRIN

Pfarreiblatt Zug Kolumne 11-19

Aschermittwoch – Zwischen Fasnacht und Fastenzeit

Die Fasnacht wirft jegliche Regeln über den Haufen. Sie verwirrt ganz bewusst und verunmöglicht mit Maskerade und Tollerei jede Orientierung. Was scheinbar immer und ewig gilt, wird in Frage gestellt. Ein Bet­­tler wird zum König. Der Narr sagt die Wahrheit. Der Weise wird zum Clown.

So macht die Fasnacht den Boden bereit für die Zeit, die nun folgt: die Fastenzeit.

Diese Zeiten sagen uns: Sei dir der äusserlichen Ordnung nicht zu gewiss. Geh der Sache auf den Grund. Entdecke was wirklich trägt.

Fasten heisst darum, dem Leben neue Orientierung, neuen Sinn zu geben. Fasten heisst umkehren zu neuem Leben, nicht nur äusserlich sondern mit ganzem Herzen.

Darum geht es Jesus in seiner Botschaft überhaupt immer wieder: Um die Haltung, das innere Umkehren zu Gott, zum Leben. Damit nimmt er die Erkenntnisse des Hirn­forschers Gerald Hüther vorweg, der eine nach­hal­tige Verhaltensveränderung ohne die Ände­rung der inneren Haltung als unmöglich bezeichnet: Zu anderem Verhalten kommen wir nur dadurch, dass wir uns einladen lassen zu neuen Er­fah­rungen, die wir mit neuen, positiven Emotionen verbinden können.

Die Fastenzeit könnte genau so eine Ein­la­dung sein, einmal etwas anderes aus­zu­pro­bie­ren – eine neue Erfahrung zu machen und dabei eine Haltung zu entwickeln, die wirklich trägt.

«Von Staub bist du genommen, zu Staub kehrst du zurück.» Der Aschermittwoch und die Fastenzeit laden ein, uns ganz neu und tief bewusst zu werden, wer und was wir eigentlich sind: Menschen, einzigartig und vergänglich, gehalten und frei.

Zu welcher neuen Erfahrung könnte ich mich in dieser Fastenzeit einladen (lassen), um mir das verstärkt deutlich zu machen?

Pfarreiblatt Zug Kolumne 11-11

Gott 9.0

Etwas ungewohnt und für technik- und computerkritische Leute leider abschreckend kommt der Titel eines höchst spannenden Buches daher. Jetzt auch online zu entdecken auf www.gott90.de
Dem Buch Gott 9.0 liegt ein Modell zu Grunde, das die verschiedenen bisherigen Bewusstseinsebenen der jeweiligen Gottesvorstellungen abbildet und zueinander in Beziehung setzt. Gott 1.0 entstand vor ca. 100.000 Jahren, derzeit erscheinen am Horizont die Level 8.0 und 9.0 – unsere Gesellschaft steht vor einem spannenden Paradigmenwechsel.

Ich habe das Buch mit sehr viel Gewinn ein erstes Mal gelesen und werde wohl immer wieder mal einen Ausflug in diese höchst spannende Gedankenwelt machen!

3Königstag

Die Weisen aus dem Osten:
 
…erkannten die Zeichen.
…machten sich auf den Weg.
…folgten einem Stern.
…liessen sich von einem Traum bewegen, ihren Weg zu ändern.
* Wann erkennen wir die Zeichen?
* Wo brechen wir auf?
* Welchen Stars, Sternchen und Sternen folgen wir?
* Welche Träume bewegen uns zu Veränderungen?

Licht und Dunkel

Mit Jugendlichen auf dem Firmweg zusammen hatte ich die Chance, in der «Blinden Kuh» essen zu gehen. Die «Blinde Kuh» ist ein Restaurant, in dem Blinde und Sehbehin­derte in völliger Dunkelheit anderen Menschen Essen servieren.Im Eingangsbereich sollten wir alle leuchtfähigen Gegenstände (Uhren, Handies etc.) abgeben. Wir wurden von der Frau, die für uns an dem Abend zuständig war, vor der Tür abgeholt. Zuvor hatten wir schon die Möglichkeit, die Karte mit den Speisen und Getränken zu studieren.

In einer Art Polonaise wurden wir dann durch eine Lichtschleuse an unsere Plätze geführt. Das Unbehagen einzelner Leute, sich einfach ins Dunkle führen zu lassen, war zu spüren!

An unseren Plätzen konnten wir bestellen. Wir entdeckten tastender Weise die Gedecke. Das Beängstigende, das die Dunkelheit zu Beginn hatte, legte sich mit der Zeit. Beim Essen fiel die Konzentration auf die Geschmackssinne leichter. Ich bemerkte mit einem Schmunzeln, dass ich auch im Dunkeln die Augen schloss, um genau zu schmecken.

Vor Weihnachten lesen wir den Profeten­text:
«Das Volk, das im Dunkeln wandelt, sieht ein helles Licht…» (Jes 9)

Ich war ganz konkret im Dunkeln unterwegs. Und ich habe einen Gewöhnungseffekt bemerkt: Das Dunkel hat mir irgendwann nicht mehr so viel ausgemacht.

Das hat mich nachdenklich gemacht:
Wenn wir heute vom Kommen des Lichtes an Weihnachten predigen,
erwarten wir dann über­haupt noch etwas? Und was?
Oder sind wir uns das Herumtappen im Dun­kel unseres Alltages schon so gewöhnt,
dass wir uns darin eingerichtet haben?
Wo sehnen wir uns noch nach Licht und Befreiung?

Ich wünsche Ihnen: Lichtvolle und befreiende Weihnachten!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-52