Archiv der Kategorie: Theologisches

Zeit für ein ökologisches Pfingsten

Kolumne im Pfarreiblatt des Kantons Zug 20/21 – 2021

Petrus zitiert im Pfingstbericht (Apg2) den Profeten Joel: Gott will «Geistkraft ausgiessen auf alle Welt». 

Nur so erhalten wir (auch heute wieder) einen Blick für die Zukunft: Junge Leute schauen Visionen und Alte träumen Träume. Auch die Unterdrückten werden von der Geistkraft erfüllt, so dass sie prophetisch reden. Profetinnen und Profeten sind nicht Vorhersager:innen. Sie sind Hervorsager:innen (sagte einst Prof. Ivo Meyer). Sie weisen auf wichtige und brennende Fragen hin! Sie beharren darauf: Eine andere Welt ist möglich! Wandel ist notwendig! 

Pfingsten ist das Gegenbild zum Turmbau zu Babel: Statt übermütig ohne Ende in den Himmel zu wachsen und uns Menschen selber zu vergötzen, soll uns erdverbundene Bodenständigkeit bergen auf dem alle gemeinsam tragenden Planeten. Unser Mutter-Planet verdankt sein Leben einer Kraft, die alle und alles verbindet: Liebe – auch bekannt als Gott. 

Liebe und Verbundenheit heisst (nicht nur) im Pfingstbericht: Verstanden werden – Betroffen und gemeint sein – die Sprache der anderen verstehen – das alle Verbindende wahrnehmen – eine Vision für die Zukunft haben – egal wie alt du bist – über Generationen und auch soziale Grenzen hinweg – auch über die Grenzen der Arten und Lebensformen hinweg: Verbundenheit von Menschen, Tieren, Pflanzen, der Erde, allen Elementen – allem was ist. Pfingstlich wirkende Geistkraft! 

Fastenpredigt in Klima- und Covidkrise

gehalten am 28.2.21 als Gastprediger in St. Urban Winterthur

Text: Greta Thunberg vor der UNO in New York 23.9.19

In profetischer Manier hat die 16jährige Schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg am 23. September 2019 vor der UNO in New York eine einringliche Rede gehalten. Sie hören Teile daraus:

«… Ihr habt mir mit euren leeren Worten meine Träume und meine Kindheit gestohlen. Dennoch bin ich sogar eine der Glücklichen. Denn Menschen leiden – Leute sterben – ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Beginn eines Massenaussterbens und alles, worüber ihr sprechen könnt, sind „Geld“ und Märchen von „ewigem Wirtschaftswachstum“. Wie könnt ihr es wagen!

Seit mehr als 30 Jahren ist die Wissenschaft kristallklar. Wie könnt ihr es wagen, weiter wegzuschauen und zu sagen, dass ihr genug tut, solange die erforderlichen politischen Massnahmen und Lösungen nirgends in Sicht sind.

Ihr sagt, dass ihr uns hört und dass ihr die Dringlichkeit versteht. Aber egal wie traurig und wütend ich bin, ich will das nicht glauben. Denn wenn ihr die Situation wirklich verstanden und trotzdem noch nicht gehandelt hättet, wärt ihr böse und ich weigere mich das zu glauben.

Um eine 2/3 Chance zu haben, unter einem globalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad zu bleiben, blieben der IPCC-Prognose zufolge am 1. Januar 2018 noch 420 Gigatonnen CO2 übrig. Heute sind es bereits weniger als 350 Gt. (Im Feb 2021 noch 288 Gt)

https://www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html zeigt den aktuellen Stand

Wie könnt ihr es wagen, so zu tun, als ob dies nur mit „Business as usual“ und einigen technischen Lösungen gelöst werden kann? Mit den heutigen Emissionswerten wird das verbleibende CO2-Budget innerhalb von weniger als achteinhalb Jahren vollständig aufgebraucht sein.

Es werden heute keine Lösungen oder Pläne präsentiert werden, die auf diesen Zahlen basieren, da diese Zahlen zu unangenehm sind und ihr nicht reif genug seid zu sagen, was Sache ist.

Ihr lasst uns hängen! Aber die jungen Leute beginnen euren Verrat zu verstehen. Die Augen aller künftigen Generationen sind auf euch gerichtet, und wenn ihr uns im Stich lasst, sage ich: Wir werden euch niemals vergeben.

Damit kommen ihr nicht durch. Genau hier, genau jetzt, ziehen wir die Grenze. Die Welt erwacht und es kommt ein Wandel, ob ihr es euch passt oder nicht. Danke.»

Evangelium nach Mk 8, 1-10                                                       

Christus ist mit euch… // Aus der Frohen Botschaft nach Markus…

1In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: 2Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. 3Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weither gekommen. 4Seine Jünger antworteten ihm: Woher soll man in dieser unbewohnten Gegend Brot bekommen, um sie alle satt zu machen? 5Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. 6Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus. 7Sie hatten auch noch ein paar Fische bei sich. Jesus segnete sie und liess auch sie austeilen. 8Die Leute assen und wurden satt. Dann sammelte man die übrig gebliebenen Brotstücke ein, sieben Körbe voll. 9Es waren etwa viertausend Menschen beisammen. Danach schickte er sie nach Hause.

Predigt mit grüner Lockenperücke und roter Nase

Ich wirke echli sonderbar
mit grüene Chrusle, roter Nase
denn d’Fasnacht isch verbii das Jahr,
mir sind scho i de Faschte-Phase.
Aber Chind und Narre dörfed gläge
oder ungläge Wahrete säge.

Fäscht-Luune stellt sich nid rächt ii.
Denn immer no isch Pandemie.
Wie chasch di Schütze? –
Und was tued nütze? –
„Abstand halte!“, „Wäsch der d’Händ!“,
„Bliib dehei i diine vier Wänd!“
Sobald’s gnueg hed, denn: „Maske uf!“
Au wenn’s der echli nimmt vom Schnuuf.

All üebed ganz neu kommuniziere,
tüend über Video mitenand parliere.
„Zoom“ und „Teams“ und „Jitsi“
sind das Johr de Hit gsi.
Mit Youtube und Netflix im Duell
gid’s sogar Gottesdienscht hür virtuell.

Mir fiired hüt do im Vertraue,
das en Gottesdiescht cha ufbaue.
Und mer grad i riise Kriise
d‘Hoffnig üs nid lönd vermiise.

Glaube, Hoffnig, Liebi bruucht’s, –
und en riise Huufe Muet,
will’s eim scho chli zämestuucht
wenn mer häreluege tuet,
was i dere Wält so gohd –
wie’s um de Planet so stohd.

Und guet häreluege muesch de scho
wenn zu Lösige willsch cho.
Lose uf die, wo d’Sach verstönd,
forschend de Spure nochegönd.
Und statt ne no Dräck azrüere,
aapacke, muetig durefüere!

Hoffnig wachst nur usem Handle.
Mitenand lohd d’Wält sich wandle.
Pfarrei versuecht z’verbinde:
Manne, Fraue, Greise, Chinde.
Für das stönd mir als Chile ii –
2000 Johr und wiiterhii!

Mir mached das i de Tradition
vo dem, womer nänned Gottes Sohn,
Jesus, de vo Nazareth.
Er hed zu de Mänsche gredt,
hed si ufgrichtet und gheilt,
Wii und Brot mit ihne teilt.
So he er d’Mänsche Gott lo gspüre
Drum hed ne jede welle ghöre.

Viill Mänsche sind Jesus nachegange,
zum zu befreiende Iisichte z’glange.
Si hend so lang zueglost mit so vill Inträsse,
dass si debii grad hend s’Ässe vergässe.
Nur – wiit ewegg vo jedere Stadt,
wie bringsch paar tuusig Mänsche satt?

Jesus hed grad Mitleid gha,
will niemer setti Hunger ha.
Er frogt all: «Was hender da?»
Vill hend chli öppis füre gnoh.

Da und det es Stückli Brot
taucht uf und denn au no chli Fisch.
So hälfed alli mit – gäg d’Not –
wo plötzlich nümme ume isch.
Meh als gnueg isch nämlich da.
Sibe Chörb hend’s förig gha.

S’hed wältwiit gnueg uf jede Fall,
wenn mer’s grächt verteilt uf all.

D’Ressource vo de schöne Erde
dörfed nümm vergüüdet werde,
das mir im sogenannte Weschte
uf villne andere iri Chöschte
mit dicke, schwere EssJuWii
dräckig underwägs chönd sii.

Oder so vill Rind grilliered
und de Urwald dezimiered
ohni Tier und Mänsche z’schone,
will gmäschtet wird mit Sojabohne.

Für die hed mer en eigni Wält,
wo im Gliichgwicht funktioniert
vor allem wägem schnöde Gäld
eifach grausam abrasiert.

Abholze chund no weniger tüür,
wenn’s erledige tuesch mit Füür
und en eifach abebrännsch,
de Läbesruum vo Tier und Mänsch.

Unersetzbar isch de Schatz!
Doch Orang Utan hend kei Platz,
wo Palmplantage jetzt neu spriessid
und fetti Provisione grüessid.

«Wenn mir devo chönd profitiere,
tüemers gern mit finanziere.»
Me seid, es regieri ja scho d’Wält –
Aber (fr)ässe chasch es nid, dis Gäld!

Und drüberus – ha n’i s’erwähnt?
– warned sit es paar Jahrzähnt
Wüsseschaftler immer meh,
s’isch würklich nümme z‘überseh:
„Notstand!“ und zwar planetar!

Das isch gar nid wunderbar,
wenn üfhörsch Fakte z’ignoriere
und dich demit lohsch konfrontiere:
Klimakriise, Artesterbe
Verluscht vo Läbesrüüm uf Erde.

D‘Villfalt schmilzt vo Tier und Pflanze.
so wie s’Iis uf Pol und Berge
hert bedroht isch s’grosse Ganze
und mir fühled eus wie Zwerge.

So komplex und gross isch d‘Ufgab
das ich nöch bi a de Ussag:
«Am liebschte miechi d’Auge zue
Säiti: Chum, gib ändlich Rueh!»

En zweite Planet hemmer e keine.
Läbe für üs gid‘s nur uf dem eine.
ALLI müend jetzt aktiv werde
für de Planet, üsi Mueter Erde!
Hoffnig schöpfe usem Handle,
und so d’Wält zum Guete wandle.

Für Kriise-Bewältigung und Pandemie‘e
gids nid EI Lösig mit Garantie’e.

Uf jede Fall isch super wichtig,
das mer ZÄME schaffet richtig.
Solidarisch mitenand
packed aa mit starcher Hand!

Das gohd nur mit Verbundeheit,
Liebi, wie mer dem au seid.
Für das bruucht’s alli mitenand.
Nid nur, aber au DAS chliine Land.

Aafoh chömmer JETZT und DO:
S’nächst mol z’Fuess go poschte goh.
Fröhlich mit em Velo fahre.
S’Auto öfters mol lo stoh.
Sich die nächschti Flugreis spare.
I de Schwiiz i d’Ferie goh.

Und will du mittlerwiile weisch,
dass vor allem Milch und Fleisch
z’vill CO2 tüend produziere
tuesch Tierprodukt fescht reduziere!
Ich säge’s eifach grad nomal:
iss pflanzlich, bio und lokal!

Bi jedem Chauf frag ICH ganz still:
«Bruch ich das?», «Isch‘s was ich will?»

Wemmer d’Kurve no wänd schaffe
statt wiiterhin wie tummi Affe
saage chräftig a dem Ascht
wo treid i d‘Zuekunft ÜSI Lascht,
bruchts jetzt en Stopp und tüfi Bsinnig
will «Wiiter so!» isch nur wahnsinnig!

Doch Neu-Usrichtig die brucht Muet
will s‘ Gwohnte loszlah, weh eus tuet.
Gmeinsam dörfe Fehler mache,
und di andere nid uslache,
sondern möglichscht vill drus lehre
au wemmer sich chönnt d’Haar uuszehre,
das mer nid stärcher und nid früener
ghandlet hed mit Konsequenz
sondern meh wie blindi Hüener
ums goldige Chalb ufgfüert hed Tänz.

Veränderig heisst Fähler zuegäh,
sälber au in Spiegel z’luegä.
Anderne und sich z’vergäh,
zum en Schritt i d’Zuekunft znäh,
Klimagrächtigkeit aazgah.
Zu dem regt d’Faschteziit üs aa.

Es lockt en Wält wo’s drum wird gah,
das es alli guet chönd ha.
Wo jede hed, was er und sie
zum Läbe brucht und das bedütet
en Überläbensgarantie
wo nid Natur und Wält usbütet!

D‘ Mänsche, als en Teil vom Ganze,
lueged guet zu Tier und Pflanze,
will s’wüssed, das all mitenand
abhängig sind vonenand.

I dem Wandel müemer lehre,
statt uf Profit und Karriere,
z‘achte meh uf d’Barriere,
vo Natur und Ökosphäre!

Mir müend Gränze respektiere,
wämmer sicher navigiere
ohni z‘kippe usem Gleis
und z’lande imne Huufe Scheiss.

D’Natur zeigt üs, wie’s chönnti goh.
Hed ewig lang es Gliichgwicht gha.
In Chreisläuf tued si funktioniere.
Drum müend au mir echli studiere.
Endlich für eus ganz neu lehre,
das mer Gwüsses nümm cha chere.

Wenn’s Glas kippt und abegheit,
isch es definitiv zerleit.
Au fürs Klima giltet s’Gliiche:
Wenn mir Tierarte tüend striiche
usem Buech vo de Natur –
gids irgendwenn e keis Retour.

Drum mues dringend Wandel gscheh.
Ei Vision und en Idee,
wie das chönnti möglich sii,
beschriibt Doughnut Ökonomie:

S’Ziil isch nümme: «Immer meh!»
Mir seled s’grosse Ganze gseh.
Pflege tüemer s’Mitenand.
Di ganzi Wält und jedes Land.
Villfalt stärche, Netzwärch boue,
Gmeinwohl schaffe, ‘nand vertroue.
So dass all chönd glücklich werde
uf ere intakte Erde.

Wär das nid es Wunder,
wenn niemer giengti under?
Drum: Üebemer das mitenand
und träged‘s use wiit is Land.

Für jede Schritt sägemer luut: «Danke»!
Er gid üs Hoffnig gäge s’Wanke,
schänkt allne Muet, wo mit üs handled,
dass sich d’Wält zum Guete wandled.
Amen

Islam – Westen – Religion – Kultur

Lieber NN
Wie du weisst, bin ich katholischer Theologe (katholisch heisst wörtlich: das Ganze umfassend). Mich interessiert, was andere für eine Religion ausüben und v. a. wie sie das tun! In der Religion geht es m. E. um etwas Grösseres, als um Rituale und Bräuche. Es geht den Religionen um das Transzendente (das Überschreitende und Grenzen Überwindende) und um das, was die Welt im Innersten Zusammenhält, um das, was uns auf diesem blauen Planeten im unendlichen Universum verbindet. Wir Theologen nennen das in deutscher Sprache «Gott». Ich weiss darum, dass jeder Mensch, auch ich, nur eine begrenzte Perspektive hat. Darum bin ich froh um den Dialog und den Austausch mit andersdenkenden und -glaubenden Menschen. Hier kann ich dank anderer Perspektiven dazulernen!

Jede Religion hat auch das Bewahrende und Abgrenzende in sich. Das kennen wir in der römisch-katholischen und christlichen Tradition leider auch nur allzu gut. Voraufklärerisch waren wir und sind auch heute gewisse Gruppen aus «unserer» Religion alles andere als «friedlich», wie du es forderst.

Es geht also darum zu differenzieren! Und ich würde dein Differenz-Kriterium «friedlich» sogar gerne umformulieren in ein aktiveres «friedensfördernd»!

Eine Einteilung in WIR und die (bösen) ANDEREN ist hierzu nicht hilfreich um nicht zu sagen «friedensgefährdend».
Auch das reine «Ursache und Wirkung» ist als physikalisches Konzept nicht so einfach auf Soziales zu übertragen. Es ist ein überholtes und zu lineares Konzept, das am Ende nur der definitiven Schuldzuweisung an eine Seite dient. Also ist es leider als Konzept schon «friedensgefährdend».
Wir sind Teil eines komplexen Systems von Wechselwirkungen. Schwarz-Weiss-Weltbilder sind überholt. Es ist etwas komplizierter, als wir es gerne hätten. Und es ist anstrengend.

Die Konstruktion eines unvereinbaren Gegensatzes zwischen Islam und sogenannt westlicher Kultur ist (auch historisch) unhaltbar. Die westliche Kultur baut u. a. auf den vom Islam überlieferten und weiterentwickelten Erkenntnissen der antiken Philosophie und Mathematik auf. «Huch, unsere Zahlen sind arabisch!» 😉

Das Verhältnis zwischen den Kulturen in unserer Gesellschaft ist volatil und ständig im Wandel. Spaghetti gehören noch nicht lange auf den typisch schweizerischen Speisezettel. Dönerbuden gibt’s noch keine 20 Jahre in der Schweiz. Viele Zugewanderte mit muslimischem Hintergrund im Westen haben sich teilweise assimiliert. Gleichzeitig haben sie zur Wahrung einer Identität in der Fremde kulturelle Gepflogenheiten aus ihren Ursprungsländern behalten. So wie Schweizer_innen im Ausland Jodelclubs und Schiessvereine gründen. Bei uns sind viele dieser kulturellen Bräuche als «Islam» kategorisiert. Sie sind so wenig «Islam», wie der Coca-Cola Santa Claus, der Osterhase, Jodeln und Schwingen «Christentum» ist. Dieses undifferenzierte Verpampen von Religion und Kultur ist die Basis eines gefährlichen Konstrukts: der «unvereinbare Gegensatz zwischen Islam und Westlicher Kultur».

Interessanterweise ist dieser konstruierte unvereinbare Gegensatz Islam-Westen aber genau der Punkt, in dem sich rechte Stammtischpolterer und der IS einig sind. Eine undifferenzierte Sicht des Islam und eine «Sippenhaft» für Muslime spielt den islamistischen Kräften in die Hände, die genau dieses Bild brauchen, um labile und verunsicherte junge Männer (und wenige Frauen) zu radikalisieren und zu Terroristen zu machen. Wer giesst wo Öl ins Feuer?

Wir sind Menschen. Wir haben je unseren Glauben (oder unsere Grundüberzeugung). Wir sind darauf angewiesen, unser gemeinsames Leben und das Leben dieses Planeten für die Zukunft irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Das ist anstrengend. Das braucht differenzierende Denkarbeit. Das braucht auch innere Überwindung von unreflektierten Vorurteilen.

Ja es gibt Menschen, denen macht die Welt von heute Angst. Es gibt dann diejenigen, die davon reden, «dass diese Ängste ernst genommen werden müssen.» (v. a. im Blick auf Fremde, weniger im Blick auf die sich anbahnende Klimakatastrophe oder soziale Ungerechtigkeit) Was sie dann aber tun und sagen, ist etwa so, wie wenn einem Kind, das sich vor dem dunklen Keller fürchtet, gesagt würde: «Ja, du hast recht, der dunkle Keller ist sehr gefährlich. Man weiss wirklich nie, wie viele Monster es im dunklen Keller hat. Am besten wir schiessen mit einer Pistole einfach ein paar Mal ins dunkle, dann geht es uns besser.» Ziemlich sicher würde es mehr Sinn ergeben, erst mal das Licht anzuzünden und genau hinzuschauen. Genau abzuwägen, wie die Situation denn aussieht woher die Angst denn kommt und wieviel sie wirklich mit dem dunklen Keller zu tun hat.

Es ist billig und pervers, die Verunsicherten und diejenigen, die sich vor dem abgehängt Werden ängstigen, gegen noch Schwächere, wie Fremde und Geflüchtete aufzuhetzen. Das ist billige Sündenbockpolitik. Als christlicher Theologe muss ich gerade dagegen klar Stellung beziehen. Denn der Tod Jesu ist die Zuspitzung der Perversion dessen, was mit Sündenböcken erreicht wird. Am Ende ist es der unschuldige Profet der göttlichen Liebe und Versöhnung, der an der Bosheit der Menschen am Kreuz verreckt! – Und auferweckt wird! Darin und schon im Leben Jesu und seinem Umgang mit den ausgestossenen Menschen um ihn herum (Huren, Kollaborateuere (Zöllner), Behinderte etc.) zeigt sich ein Gott, der über alle Tode hinaus an seiner verbindenden und Grenzen überwindenden Kraft – Liebe – festhält!

Blickrichtung

Wir feiern Himmelfahrt. Am Ende des Markusevangeliums und am Beginn der Apostelgeschichte heisst es: Jesus wurde „in den Himmel aufgenommen“. Das ist nicht als Orts- sondern als Qualitätsangabe zu verstehen. Nicht wo er lebt, wird gesagt, sondern auf welche Art und Weise. Er ist bei Gott, im grösseren Zusammenhang des göttlichen Bereichs, eben im Himmel, zu Hause.

Nun sagt aber der Engel: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?!“ Wir werden zu einem Perspektivenwechsel aufgefordert. Jesus ist nicht mehr da wie vorher. Seine Freunde sind herausgefordert ohne ihn zurecht zu kommen. Wir als „Hinterbliebene“ sollen nicht nur fasziniert auf ihn starren und unsere Hoffnung nicht mehr auf den heiligen Übermenschen zu projizieren.

Das Bild von Himmelfahrt lädt uns ein, uns von unseren Abhängigkeiten und Gurus zu lösen. Wir müssen Jesus in unserem inneren Osterdrama ganz bewusst sterben lassen. Wir verlieren dadurch zwar (scheinbare) Sicherheit. Im Zuspruch der Geistkraft (an Pfingsten), durch die Gott in uns wirken will, gewinnen wir dafür eine Freiheit, die – auch durch uns – neues Leben möglich macht. Uns wird zugetraut, auf eigenen Füssen zu stehen! Gott ist und bleibt auf (immer) neue Art präsent!

Auffahrt fordert uns heraus Jesus loszulassen, uns neu einzulassen auf den auferstandenen Christus und bewegt von pfingstlicher Geistkraft selber in der Welt Verantwortung für seine Vision zu übernehmen.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 21-22/17

Glauben an Christkönig

„Was glauben Sie eigentlich?!“ Dieser Ausruf, aus Empörung ausgesprochen, bringt für mich auf den Punkt, was mit Glauben gemeint ist. Die Frage nach dem Glauben ist ganz grundsätzlich. Was sind die Grund-lagen und Grund-sätze, von denen ich ausgehe? Die Frage nach dem Glauben stellt die Frage nach meinem Grund, in dem ich wurzle und aus dem ich meine Kraft beziehe. Auf was vertraue ich?

Wenn ich Glaube als den Bereich des Nicht(mehr)wissens definiere, schaffe ich mir unnötige Probleme. Ich „muss“ dann glauben, weil ich mit dem Wissen nicht (mehr) weiter komme. Das birgt die Gefahr in sich, dass sich der Bereich dieses „Glaubens“ immer mehr verkleinert, je mehr das „Wissen“ zunimmt.

Ausserdem ist der Satz: „Das muss ‚man‘ halt Glauben…“ für mich gefährlich. Wer sagt mir denn, was ich glauben muss? Mit welchem Interesse? Glauben heisst Vertrauen und hat nichts mit Unterwerfung zu tun.

Christkönig ist das Fest am letzten Sonntag des Kirchenjahres. Bevor dann am Ersten Advent ein neuer Zyklus beginnt, wird noch einmal zusammengefasst und auf den Punkt gebracht, um was es geht. König ist Christus: Die verlässliche Macht, auf die sich zu vertrauen lohnt, ist Gott, der sich einlässt auf die Welt. Die Kraft, die die Welt verändern kann, ist nicht Gewalt oder Unterdrückung, sondern die göttliche Liebe, die sich in Schöpfung einlässt, die (auch in uns) Mensch wird.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 47-48/16

Säkularisierung und Säkularismus – Chance für eine Revitalisierung des Christlichen

Meine 3 Thesen im Rahmen des 42. Dialog offener Katholizität zum Thema
„Säkularismus und Kirche in der Schweiz“ vom 24. Oktober 2016 um 14.00 Uhr im Romerohaus Luzern statt. “ Zweiter Referent war Arnd Bünker vom SPI St. Gallen.

Säkularismus bezeichnet eine Weltanschauung, die sich auf die Immanenz und Verweltlichung der Gesellschaft beschränkt.  Säkularisierung wurde «zur Bezeichnung des Übergangs einer Sache aus dem Eigentum der Kirche in das von Staaten verwendet.» Der Begriff «saeculum bedeutete ursprünglich „Zeitalter, Jahrhundert“, im Kirchenlatein dann „die zeitliche Welt“ und damit das Irdische im Gegensatz zum Ewigen» (Wikipedia).

Hinter den Begriffen Säkularismus und Säkularisierung stecken ein Weltbild und ein damit verbundenes Gottesbild, die wir zu überwinden haben. Dass diese leider weitgehend noch in den Köpfen der Menschen wirken, hat die kirchliche Verkündigung mit zu verantworten! Eine offizielle kirchliche Theologie, die die Realität hierarchisierend aufteilt in einen irdischen und einen ewigen Bereich, verrät in sich bereits zentrale Aussagen des christlichen Glaubens.

Das Geheimnis der göttlichen Trinität überwindet ja gerade alles Trennende, indem es einlädt an die Einheit in der Verschiedenheit und trotz bleibender Unterschiedenheit an die universale Verbundenheit durch und in der göttlichen Liebe, im „göttlichen Tanz“ (Richard Rohr) zu glauben.

Die Aussage „Gott wird Mensch“ ist Muster für eine grundsätzliche Bewegung(srichtung) und Teil dieses göttlichen Tanzes. Sie überwindet genauso den wertenden Gegensatz durch das Bild eines energiereichen Prozesses, zu dem wir mit eingeladen sind.

Säkularisierung bezeichnet  im engeren Sinne aber die durch den Humanismus und die Aufklärung ausgelösten Prozesse, welche die Bindungen an die Religion gelockert oder gelöst und die Fragen der Lebensführung dem Bereich der menschlichen Vernunft zugeordnet haben. Soziologisch wird dieser Prozess als „sozialer Bedeutungsverlust von Religion“ interpretiert. (Wikipedia)

Insofern Religion hier Bindung an etwas hierarchisch Institutionalisiertes oder magisch Rituelles meint, tut es mir nicht weh, wenn diese Art Religion an Bedeutung verliert. Es ist an der Zeit, dass wir unsere Gottesbilder weiterentwickeln. Die Vernunft als Mittel in der theologischen Auseinandersetzung ist für mich unverzichtbar. Es geht nicht um das Ausspielen von Wissen und Glauben oder Vernunft und Irrationalität. Es geht um mehr und es geht um eine notwendige Entwicklung, Weiterentwicklung der eigenen religiös-theologischen Ansichten und Einsichten. Erfahrung ist dabei unabdingbar wichtig. Sie muss immer wieder gedeutet werden.

Die Welt ist der Ort der Erfahrung Gottes! Dort, wo ich mit Menschen über ihre Erfahrungen deutend ins Gespräch komme, können sich die alten Bilder in den Erfahrungen neu erschliessen.

 “Säkularisierung wird – im weiteren Sinne – verstanden als der institutionelle und mentale Prozess der Trennung zwischen Religion und Staat.” (Wikipedia)

Wenn ich Religion nicht als rein( kirchlich)e Institution, sondern als Rück-Bindung (re-ligio) an das Bleibende, Tragende (theologisch: Gott) verstehe, ist diese Trennung entweder eine Illusion, oder sie proklamiert einen Staat ohne jegliche tragende Grundlage.

Religion, die sich in der institutionellen Kirche erschöpft, kann und soll sich vom Staat lösen.

Ein Staat, der ohne tragende Werte, eine Spiritualität im besten Sinn des Wortes, auszukommen glaubt und genauso eine Kirche, die sich nur noch ökonomisch, machtpolitisch und institutionell definiert, sind überflüssig.

Versuche über das Kreuzzeichen

Fundstück vom Mai 2007!

Zu beten mit den Gesten des grossen Kreuzzeichens

vater und mutter
gotteskind
heilige geistkraft

schöpferischer ursprung
menschliche nähe
gemeinschaftliche lebenskraft

getragen im glauben
bewegt von der hoffnung
aufgehoben in der liebe

lebenskraft
für gotteskinder
aus der begeisterung

ausgerichtet auf den himmel
verwurzelt in der erde
verbunden mit der menschheit
und allen geschöpfen

getragen vom leben
bewegt von der lebendigkeit

einen kopf
ein herz
und zwei hände soll mein glaube haben

Versuchen Sie es auch mal, die «alten Worte» für sich zu neuem Leben zu erwecken!

Auch das ist Ostern: Auferweckung der Sprache des Glaubens zu neuem Leben.

Ich bin gespannt auf Ihre Ideen.

Würzige Vision

3 Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind. Denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden.
Denn sie werden getröstet werden.
5 Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind.
Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.
6 Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Denn sie werden satt werden.
7 Glückselig sind die, die barmherzig sind.
Denn sie werden barmherzig behandelt werden.
8 Glückselig sind die, die ein reines Herz haben.
Denn sie werden Gott sehen.
9 Glückselig sind die, die Frieden stiften.
Denn sie werden Kinder Gottes heißen.
10 Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will. Denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Glückselig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen, verfolgen und verleumden – weil ihr zu mir gehört. 12 Freut euch und jubelt! Denn euer Lohn im Himmel ist groß! Genauso wie euch haben sie früher die Propheten verfolgt.
(Übersetzung von Mt 5,3-12 in der Basisbibel)

Aus dem Evangelium nach Matthäus 5,17-19
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. 18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. 19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

Die Seligpreisungen erklären, was Jesus damit meint, wenn er sagt: „Das Gesetz erfüllen.“ Die Bergpredigt ist Jesu Interpretation dessen, was Erfüllung, „Zur-Fülle-Bringen“ des Gesetzes bedeutet.

Zwischen den Seligpreisungen und dem Evangeliumstext kommen noch die zwei Zusagen hinzu: Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt.

Zusammengefasst heisst das: Gesetz und Profeten geht es um Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Trost, Heimat und das Lebensnotwendige gegen Hunger und Durst. Das ist die Vision von Gottes Neuer Welt, des „Himmelreichs“. „Himmel“ bedeutet, da ist „Gott drin“. „Himmelreich“ ist eine Vision für hier und jetzt!

Diese Vision kann uns Licht und Hoffnung sein und Würze in der Suppe unseres Lebens. Das können und sollen wir verbreiten wie Salz, das das Leben würzt und wie Licht, das das Dunkel erleuchtet.

Das Weibliche in Gott – Gedanken um den 15. August

Die Schöpfungserzählung in Genesis 1,27 hält grundlegend fest: Gott vereint männlich und weiblich in sich. Genauso wie die Menschen, die nach seinem/ihrem Bild geschaffen sind.

Unsere Sprache nötigt uns, grammatikalisch zu entscheiden, ob wir von Gott als «er/sie/es» sprechen. Theologisch ist klar, dass keines der Pronomen allein dem Göttlichen als allumfassend und allverbindend wirklich gerecht wird.

In der christlichen Theologie reden wir darum von einem vielfältig-einen (trinitarischen) Gott. Problematisch ist nur, dass diese Vielfalt nun auch wieder mit einem Männer Trio oder mindestens Duo mit Ergänzung beschrieben wird: Vater, Sohn und Geist.

Bei der Geistkraft allerdings kann sich das  Gottesbild schon etwas erweitern, wenn wir auf seine Wurzeln zurückgehen. Ruach (Atem) oder Schekhina (Nähe Gottes) sind in der hebräischen Bibel beide grammatikalisch schon mal weiblich.

Im Rückgriff auf die anfangs erwähnte Genesis-Stelle wird auch der Schöpfer-Gott nur adäquat als Vater und Mutter beschrieben werden können.

Christus als Sohn und «Erlöser», eröffnet uns ein neues Menschsein in der «Gotteskindschaft». Er ist in Jesus in einer patriarchal geprägten Kultur aufgetreten und wäre darin als Frau wohl kaum gehört worden. Sein Modellcharakter für das Menschsein lässt sich aber nicht auf Männer zu beschränken.

Das Dogma der «Aufnahme Mariens in den Himmel» (den göttlichen Bereich) lässt sich auch als Bestärkung der biblischen Aussage von der Weiblichkeit Gottes verstehen.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 33-34/15

Advent – Das Jetzt als Zugang zur Ewigkeit

Wir stehen am Anfang des Advents, einer geprägten Zeit. Verschiedene geprägte Zeiten wollen unserem Leben einen Rhythmus geben und es in grössere Sinnzusammenhänge stellen. Im Advent und in seinen Zeichen können wir die Sehnsucht nach Licht und die Hoffnung auf kommendes Licht in der Dunkelheit sinnenhaft erfahren. Sie bereiten uns vor und stimmen uns ein auf das Fest der Menschwerdung und des Lichts – Weihnachten.

Aber wenn ich das hier und jetzt im Pfarreiblatt zum ersten Advent Mitte November schreibe und das dann Ende November publiziert wird, dann komme ich mir vor wie die sprichwörtliche «Alte Fasnacht». Denn seit zwei Monaten glitzern und glänzen die Weihnachtsabtei­lungen der grossen und kleinen Geschäftemacher schon. Advent und Weihnachten sind ökonomisch schon gelaufen, bevor sie richtig anfangen.

Geprägte Zeiten mit ihren Rhythmen und Symbolen laden uns ein, im Moment zu sein. Der biblische Gottesname JHWH, der auch als ICH-BIN-DA gedeutet wird, weist uns auf die Kraft hin, die in wirklicher Präsenz, in wirklichem im Moment Sein liegt. In der Gegenwart liegt der Zugang zur Ewigkeit. Denn wenn wir mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein « unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.»

Im Advent kann das erfahrbar werden. Die Kerze(n) am Adventskranz bewusst zu entzünden, einige Momente still zu betrachten und so ganz in die Gegenwart kommen, kann eine Tür zur Ewigkeit öffnen.

Einen solchen schönen Advent wünsche ich Ihnen! JETZT!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 49/14