Archiv der Kategorie: Pfarreiblatt-Kolumnen

Blickrichtung

Wir feiern Himmelfahrt. Am Ende des Markusevangeliums und am Beginn der Apostelgeschichte heisst es: Jesus wurde „in den Himmel aufgenommen“. Das ist nicht als Orts- sondern als Qualitätsangabe zu verstehen. Nicht wo er lebt, wird gesagt, sondern auf welche Art und Weise. Er ist bei Gott, im grösseren Zusammenhang des göttlichen Bereichs, eben im Himmel, zu Hause.

Nun sagt aber der Engel: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?!“ Wir werden zu einem Perspektivenwechsel aufgefordert. Jesus ist nicht mehr da wie vorher. Seine Freunde sind herausgefordert ohne ihn zurecht zu kommen. Wir als „Hinterbliebene“ sollen nicht nur fasziniert auf ihn starren und unsere Hoffnung nicht mehr auf den heiligen Übermenschen zu projizieren.

Das Bild von Himmelfahrt lädt uns ein, uns von unseren Abhängigkeiten und Gurus zu lösen. Wir müssen Jesus in unserem inneren Osterdrama ganz bewusst sterben lassen. Wir verlieren dadurch zwar (scheinbare) Sicherheit. Im Zuspruch der Geistkraft (an Pfingsten), durch die Gott in uns wirken will, gewinnen wir dafür eine Freiheit, die – auch durch uns – neues Leben möglich macht. Uns wird zugetraut, auf eigenen Füssen zu stehen! Gott ist und bleibt auf (immer) neue Art präsent!

Auffahrt fordert uns heraus Jesus loszulassen, uns neu einzulassen auf den auferstandenen Christus und bewegt von pfingstlicher Geistkraft selber in der Welt Verantwortung für seine Vision zu übernehmen.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 21-22/17

Glauben an Christkönig

„Was glauben Sie eigentlich?!“ Dieser Ausruf, aus Empörung ausgesprochen, bringt für mich auf den Punkt, was mit Glauben gemeint ist. Die Frage nach dem Glauben ist ganz grundsätzlich. Was sind die Grund-lagen und Grund-sätze, von denen ich ausgehe? Die Frage nach dem Glauben stellt die Frage nach meinem Grund, in dem ich wurzle und aus dem ich meine Kraft beziehe. Auf was vertraue ich?

Wenn ich Glaube als den Bereich des Nicht(mehr)wissens definiere, schaffe ich mir unnötige Probleme. Ich „muss“ dann glauben, weil ich mit dem Wissen nicht (mehr) weiter komme. Das birgt die Gefahr in sich, dass sich der Bereich dieses „Glaubens“ immer mehr verkleinert, je mehr das „Wissen“ zunimmt.

Ausserdem ist der Satz: „Das muss ‚man‘ halt Glauben…“ für mich gefährlich. Wer sagt mir denn, was ich glauben muss? Mit welchem Interesse? Glauben heisst Vertrauen und hat nichts mit Unterwerfung zu tun.

Christkönig ist das Fest am letzten Sonntag des Kirchenjahres. Bevor dann am Ersten Advent ein neuer Zyklus beginnt, wird noch einmal zusammengefasst und auf den Punkt gebracht, um was es geht. König ist Christus: Die verlässliche Macht, auf die sich zu vertrauen lohnt, ist Gott, der sich einlässt auf die Welt. Die Kraft, die die Welt verändern kann, ist nicht Gewalt oder Unterdrückung, sondern die göttliche Liebe, die sich in Schöpfung einlässt, die (auch in uns) Mensch wird.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 47-48/16

Das Weibliche in Gott – Gedanken um den 15. August

Die Schöpfungserzählung in Genesis 1,27 hält grundlegend fest: Gott vereint männlich und weiblich in sich. Genauso wie die Menschen, die nach seinem/ihrem Bild geschaffen sind.

Unsere Sprache nötigt uns, grammatikalisch zu entscheiden, ob wir von Gott als «er/sie/es» sprechen. Theologisch ist klar, dass keines der Pronomen allein dem Göttlichen als allumfassend und allverbindend wirklich gerecht wird.

In der christlichen Theologie reden wir darum von einem vielfältig-einen (trinitarischen) Gott. Problematisch ist nur, dass diese Vielfalt nun auch wieder mit einem Männer Trio oder mindestens Duo mit Ergänzung beschrieben wird: Vater, Sohn und Geist.

Bei der Geistkraft allerdings kann sich das  Gottesbild schon etwas erweitern, wenn wir auf seine Wurzeln zurückgehen. Ruach (Atem) oder Schekhina (Nähe Gottes) sind in der hebräischen Bibel beide grammatikalisch schon mal weiblich.

Im Rückgriff auf die anfangs erwähnte Genesis-Stelle wird auch der Schöpfer-Gott nur adäquat als Vater und Mutter beschrieben werden können.

Christus als Sohn und «Erlöser», eröffnet uns ein neues Menschsein in der «Gotteskindschaft». Er ist in Jesus in einer patriarchal geprägten Kultur aufgetreten und wäre darin als Frau wohl kaum gehört worden. Sein Modellcharakter für das Menschsein lässt sich aber nicht auf Männer zu beschränken.

Das Dogma der «Aufnahme Mariens in den Himmel» (den göttlichen Bereich) lässt sich auch als Bestärkung der biblischen Aussage von der Weiblichkeit Gottes verstehen.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 33-34/15

Advent – Das Jetzt als Zugang zur Ewigkeit

Wir stehen am Anfang des Advents, einer geprägten Zeit. Verschiedene geprägte Zeiten wollen unserem Leben einen Rhythmus geben und es in grössere Sinnzusammenhänge stellen. Im Advent und in seinen Zeichen können wir die Sehnsucht nach Licht und die Hoffnung auf kommendes Licht in der Dunkelheit sinnenhaft erfahren. Sie bereiten uns vor und stimmen uns ein auf das Fest der Menschwerdung und des Lichts – Weihnachten.

Aber wenn ich das hier und jetzt im Pfarreiblatt zum ersten Advent Mitte November schreibe und das dann Ende November publiziert wird, dann komme ich mir vor wie die sprichwörtliche «Alte Fasnacht». Denn seit zwei Monaten glitzern und glänzen die Weihnachtsabtei­lungen der grossen und kleinen Geschäftemacher schon. Advent und Weihnachten sind ökonomisch schon gelaufen, bevor sie richtig anfangen.

Geprägte Zeiten mit ihren Rhythmen und Symbolen laden uns ein, im Moment zu sein. Der biblische Gottesname JHWH, der auch als ICH-BIN-DA gedeutet wird, weist uns auf die Kraft hin, die in wirklicher Präsenz, in wirklichem im Moment Sein liegt. In der Gegenwart liegt der Zugang zur Ewigkeit. Denn wenn wir mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein « unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.»

Im Advent kann das erfahrbar werden. Die Kerze(n) am Adventskranz bewusst zu entzünden, einige Momente still zu betrachten und so ganz in die Gegenwart kommen, kann eine Tür zur Ewigkeit öffnen.

Einen solchen schönen Advent wünsche ich Ihnen! JETZT!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 49/14

 

NoRmaLbehindert

Vor ein paar Jahren hatten wir in der CityKircheZug ein Konzert der Band «Die Regierung», in der Menschen mit Behinderung mitspielen. Geleitet wird das Projekt von einem Ehepaar, das sich selber im Konzert als «normalbehindert» vorgestellt hat. Dieses Wort hat sich damals bei mir eingebrannt, weil es so schön irritierend und unheimlich anregend ist.

Als wir daran gingen, für diesen September gemeinsam mit den Behinderteninstitutionen und –organisationen im Kanton Zug Aktionstage zum Thema Inklusion zu planen, ist dieses Wort bald wieder aufgetaucht und hat uns nicht mehr losgelassen: NoRmaLbehindert. Was ist normal? Was ist behindert? In einer der vorbereitenden Sitzungen hat eine Frau, die selber mit einer Behinderung lebt, gesagt: «Für mich ist Irritation Alltag.» Auch diese Aussage wurde prägend für die weitere Planung.

Um nicht nur die immer gleichen, schon sensibilisierten Menschen zu erreichen, planten wir darum auch Aktionen, die in der Öffentlichkeit irritieren wollten. Die Schauspielgruppe der zuwebe hat z. B. in der Neustadtpassage ein Schaufenstertheater aufgeführt, das verschiedene pantomimische Szenen aneinanderreihte. Diese Szenen wurden jeweils mit einem Text auf einer grossen Karte abgeschlossen, der lautete: «Ich bin be-…» Mit einer weiteren Karte wurde jeweils überraschend und auf die Szene Bezug nehmend ergänzt: «…sonders», «…glückt», «…zaubernd», «…geistert» oder noch anders…

Poetisch und spielerisch angeregt, konnte sich manch eine Person im Publikum dabei ertappen, den Satz beim ersten Mal innerlich automatisch mit «…hindert» ergänzt zu haben. Inklusion, wirkliche Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben, beginnt im Kopf und braucht einen Impuls im Herzen!

Die Dokumentation der Aktionstage ist zu finden unter www.facebook.com/normalbehindert. Sie ist auch ohne Facebook-Account zugänglich!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 38/14

Wenn Geschichte ein Gesicht bekommt…

Über Fronleichnam waren wir mit einer Gruppe Jugendlicher aus unserer Pfarrei auf Firmreise in Berlin. Dank eines persönlichen Kontaktes hatten wir Gelegenheit zu einer Begegnung mit Chaim Grosser. Wir besuchten zusammen die Gedenkstätte Gleis 17 in Berlin-Grunewald. Von dort aus wurden in den 40er Jahren die Jüdinnen und Juden Berlins in Viehwaggons verladen und in die Arbeits- und Vernichtungslager der Nazis abtransportiert. Eindrücklich erzählen dutzende grosse metallene Gitterplatten auf dem Bahnsteig wie Kalenderblätter davon, wie viele Menschen am jeweiligen Datum wohin deportiert worden waren.

Chaim erzählte uns viel von der Geschichte der «Shoa». Er vermied dabei bewusst den Ausdruck «Holocaust», der ursprünglich das Brandopfer im Tempel bezeichnete. «Shoa» hingegen bedeutet Vernichtung und steht für die systematische Ermordung von sechs Millionen jüdischer Menschen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Eindrücklich gab Chaim uns Einblick in seine persönliche Geschichte als sogenannter «Child-Survivor» und wie prägend seine ersten Jahre als Kind im Versteck zusammen mit seiner Mutter gewesen waren.

Am Tag darauf hatten wir darüber hinaus noch die bereichernde Möglichkeit in Chaims Atelier Einblick in sein Kunsthandwerk zu erhalten. Unter seiner Anleitung konnten alle ein Keramikschälchen töpfern. Wir erlebten damit persönlich seine Art der kreativen Verarbeitung des Erlebten. Die bereichernde und beglückende Begegnung gab uns Gelegenheit einen besonderen Menschen kennenzulernen. Er gab uns Anteil an seinem Leben und der liberalen Gestaltung seines wiedergefundenen Jude-Seins in der heutigen Welt und Gesellschaft. So gab er der Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Stadt Berlin, die wir mit all ihren Facetten geniessen durften, ein besonderes und beeindruckendes Gesicht!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 29-30/14