Archiv der Kategorie: Theologisches
Licht und Dunkel
In einer Art Polonaise wurden wir dann durch eine Lichtschleuse an unsere Plätze geführt. Das Unbehagen einzelner Leute, sich einfach ins Dunkle führen zu lassen, war zu spüren!
An unseren Plätzen konnten wir bestellen. Wir entdeckten tastender Weise die Gedecke. Das Beängstigende, das die Dunkelheit zu Beginn hatte, legte sich mit der Zeit. Beim Essen fiel die Konzentration auf die Geschmackssinne leichter. Ich bemerkte mit einem Schmunzeln, dass ich auch im Dunkeln die Augen schloss, um genau zu schmecken.
Vor Weihnachten lesen wir den Profetentext:
«Das Volk, das im Dunkeln wandelt, sieht ein helles Licht…» (Jes 9)
Ich war ganz konkret im Dunkeln unterwegs. Und ich habe einen Gewöhnungseffekt bemerkt: Das Dunkel hat mir irgendwann nicht mehr so viel ausgemacht.
Das hat mich nachdenklich gemacht:
Wenn wir heute vom Kommen des Lichtes an Weihnachten predigen,
erwarten wir dann überhaupt noch etwas? Und was?
Oder sind wir uns das Herumtappen im Dunkel unseres Alltages schon so gewöhnt,
dass wir uns darin eingerichtet haben?
Wo sehnen wir uns noch nach Licht und Befreiung?
Ich wünsche Ihnen: Lichtvolle und befreiende Weihnachten!
Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-52
Interreligiöse Herausforderung
«Das zentrale christliche Fest ist Ostern.
Die zentrale christliche Gestalt ist Jesus von Nazareth. Er lebte die Liebe zu allen Menschen. Auch und gerade zu den Ausgestossenen seiner Zeit. Er sprach zu ihnen von der Hoffnung auf eine neue Welt Gottes. Die Machthaber der damaligen Welt betrachteten ihn als eine Bedrohung.
Sie töteten ihn am Kreuz, wie viele andere damals auch. Das hätte das Ende dieser Geschichte sein können – war es aber nicht…
Seine Freundinnen und Freunde erlebten ihn in neuer Gestalt. Diese Erfahrungen fassen sie zusammen im Satz: Er ist auferstanden! Ostern ist das Fest der Auferstehung. Osterglaube heisst für uns:
Alles Leben kommt von Gott! Sogar dort, wo wir es gar nicht mehr erwarten.
Jesus wirkt über seinen Tod hinaus Hoffnung für unsere Welt.
Symbole dafür sind Osterfeuer und Osterkerze.»
Unsere Partner/innen aus anderen Religionsgemeinschaften sprechen oft eine andere Muttersprache. Deshalb mussten wir unsere Kernbotschaft in klare, kurze Sätze giessen. Ich habe das als herausfordernde und läuternde Aufgabe empfunden.
Wie würden Sie diese Aufgabe für sich lösen? Was ist Ihre Glaubens-Kernaussage in kurzen, auch für Fremdsprachige verständlichen Sätzen?
Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-45
Glück
Die positive Psychologie erforscht, was Menschen glücklich macht. Einer ihrer Hauptvertreter ist Martin Seligman. Er beschreibt drei Elemente, die zusammen Lebensglück ausmachen: «Flow», «Pleasure» und «Sense».
«Flow» meint das Aufgehen im Moment und im aktuellen Tun, wie wir es von Kindern im vertieften Spiel kennen, oder wenn uns eine Arbeit erfüllt und einfach von der Hand geht. «Flow» beschreibt die Erfahrung der Zeitlosigkeit. Mit einem religiösen Begriff könnten wir von einer «(Vor)Erfahrung der Ewigkeit» sprechen.
«Pleasure» steht für Genuss, Freude, Vergnügen. Hier haben wir in unserer katholisch-kirchlichen «Öpferli»-Tradition wohl etwas Nachholbedarf. Das, obwohl wir uns mit gutem Gewissen auf unsere Quellen berufen könnten. Mit Jesus, der von seinen Gegnern als «Fresser und Säufer» verschrien war. Und mit Paulus, der seine Gemeinde und uns im Philipperbrief zur Freude aufruft.
«Sense» meint Sinn und Orientierung und beschreibt das urmenschliche Bedürfnis, sich in einem grösseren Ganzen beheimatet zu fühlen. Religion als «Re-ligio» – Rückbindung und Verbundenheit mit Gott, dem Kosmos, der Natur aber auch mit anderen Menschen.
Sense oder Sinn erleben Menschen, wenn sie gute Beziehungen leben können. Aber auch dann, wenn sie erlebt, wie Elemente sich zu einem Ganzen fügen und Sinn ergeben, der sie erleben lässt, dass sie in der Welt eingebettet sind. So dass das eigene Leben eine Richtung auf ein Ziel hin haben kann.
Welche Elemente des Glücks sind ihnen näher? Für welche braucht es noch etwas Einsatz? Ich wünsche Ihnen, dass Sie «Flow», «Pleasure» und «Sense» – also «Glück» im ganzen und vollsten Sinn des Wortes immer wieder erleben können!
Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-36
Vorbilder – 10-26
Ein Vorbild kann mir Orientierung geben auf meinem Weg.
Geht es nun aber darum, das Vorbild möglichst genau zu imitieren, zu kopieren in seinem konkreten Verhalten?
Gerade Franz und Klara haben intensiv gesucht nach ihrem eigenen Weg, die Nachfolge Jesu zu leben. In dieser Suche sind sie mir Vorbilder.
Meine Vorbilder leben mir vor, wie sie ihren eigenen Weg gegangen sind. Und sie machen mir Mut ebenfalls meinen Weg zu gehen. Darin sind sie meine Vorbilder und darin will ich mich an ihnen orientieren.
Die eigene Interpretation des christlichen Weges, meine Interpretation ist gefragt.
Auch wenn es von vielen immer wieder so verkauft wird: Es gibt nicht das «Instantpack Religion», das mit heissem Wasser angerührt werden kann. Das hat mit Religion genauso wenig zu tun, wie eine Tiefkühlpizza etwas mit italienischer Küche zu tun hat.
Religion ist ein Weg, der begangen werden will und begangen werden muss. Religion kann nicht an ein Vorbild oder an eine Institution delegiert werden, die einem dann das abgepackte Seelenheil verkaufen.
Vorbilder können uns Wegweiser sein. Die Schritte auf unserem Weg können sie uns nicht abnehmen. Wagen wir also – von Vorbildern ermutigt – Schritte auf unserem eigenen Weg!
Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-26
Anders anders
Ich muss auch positiv wissen, was mich und mein individuelles Anders-Sein ausmacht.
Wenn ich mich mit mir selber auseinander setze, merke ich allerdings bald, dass ich selber verschiedene Seiten in mir habe. Unterschiedliche, z. T. sogar widersprüchliche Ich-Anteile vertreten verschiedene Anliegen in mir und befinden sich in einem dauernden inneren Dialog.
Es gilt, mit meinem eigenen Anders-Sein umzugehen, die Anliegen der verschiedenen Ich-Anteile ernst zu nehmen. Spalte ich einzelne ab, amputiere ich einen Teil von mir. Damit verliere ich meine Individualität und Identität – meine Unteilbarkeit und unverwechselbare Ganzheit!
Was in mir drin gilt, gilt auch für den Umgang im Aussen. Erst wenn ich die eigenen anderen Seiten in mir akzeptiere und integriere, kann ich auch das Andere und die Anderen im Aussen akzeptieren und im Frieden mit ihnen leben.
Eine Vision von diesem integrativen Umgang mit dem und den Anderen wird im Pfingstbericht der Apostelgeschichte beschrieben. Die Babylonische Vielsprachigkeit ist nicht mehr ein Verstehenshindernis. Jede/r hört die Freundinnen und Freunde Jesu in der je eigenen Sprache sprechen.
Dadurch entsteht Verbundenheit. Und sie entsteht nicht durch Einheitlichkeit. Verbundenheit und Verbindlichkeit entstehen paradoxerweise gerade dann, wenn das Anders-Sein anerkannt wird.
Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-21
Hoffnungsträger und Sündenbock
Nur fünf Tage später: Karfreitag. Die Stimmung hat umgeschlagen. «Kreuzige ihn!» tönt es aus dem aufgewiegelten Mob. Da muss einer hinhalten für den Frust, die enttäuschte Hoffnung der Geknechteten. Er wird zum Sündenbockgestempelt.
Hoffnungsträger und Sündenbock haben dieselbe Funktion und sind eigentlich zwei Seiten derselben Medaille. Der Hoffnungsträger wird’s schon richten für mich. Und der Sündenbock ist schuld, wenn was schief läuft. Beide entlasten mich davor, selber Verantwortung übernehmen zu müssen.
Ostern überwindet sie beide. Es geht um neues Leben, das über diese zwei Kategorien hinausgeht.
In der Dramaturgie von Karwoche und Ostern geht es nicht nur um die Geschehnisse rund um Jesus von Nazareth. Es geht um eine Einladung an mich, mich in eine innere Dynamik hinein nehmen zu lassen:
– meinen eigenen Einsatz für die Hoffnung der Welt zu leisten (Palmsonntag),
– meine Begrenzung und meine Niederlagen einzugestehen (Karfreitag),
– als verantwortlicher Mensch in der Welt neu aufzu(er)stehen (Ostern) und
– aus der Kraft der Gemeinschaft Begeisterung zu wecken und befreiende Geschichte zu schreiben (Pfingsten).
Werden wir in diesem Sinn österliche Menschen!
Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-13
Flucht und Asyl
Biblische Fluchtgeschichten gibt es reihenweise: Die Urgeschichte des Ersten Testaments, auf der die gesamte biblische Überlieferung aufbaut, ist die von der Flucht des Volkes Israel aus Ägypten. Mose führt sein Volk im Auftrag Gottes in die Freiheit.
Der Prophet Elia flüchtet vor seinem König, den er zuvor für dessen Götzendienst kritisiert hatte, in die Wüste. Ein Engel spricht ihm im Traum Mut zu und gibt ihm zu Essen und zu Trinken, damit er den Weg zum Gottesberg Horeb schafft. Dort begegnet er Gott im leisen Säuseln des Windes.
Von Maria und Josef wird erzählt, dass sie kurz nach der Geburt Jesu vor der tödlichen Bedrohung durch Herodes nach Ägypten fliehen und dort im Asyl bleiben, bis die Gefahr im Heimatland vorbei ist.
Die grossen Namen der biblischen Überlieferung: Mose, Elia, Jesus waren alle «Asyl-Suchende». Und keiner hat es sich ausgesucht zu fliehen. Niemand sucht Schutz und Asyl in einem fremden Land, ohne bedroht zu sein – bis heute!
Am letzten Oberstufentag durfte ich zusammen mit den Jugendlichen dank der Schweizerischen Flüchtlingshilfe in einem Planspiel sehr realitätsnah «Stationen einer Flucht» erleben und Erlebnisse von zwei Flüchtlingen aus erster Hand erzählt bekommen. Die Narben, physische und psychische, die die Verfolgung im Heimatland und die Erlebnisse der Flucht hinterlassen haben und die in den Erzählungen deutlich zu spüren waren, werden mit dem Erzählen nicht kleiner, aber, so denke ich wenigstens, unsere Solidarität macht sie etwas erträglicher.
Unsere Herausforderung ist, einerseits menschliche Kriterien zur Aufnahme anzuwenden und andererseits auch gegen die Ursachen zur Flucht zu wirken!
Was wir von Flüchtlingen lernen können? – Die Sehnsucht nach der Freiheit nie aufzugeben!
Pfarreiblatt Zug Kolumne 10-07
«Weihnachten steht vor der Tür! »
Wir sagen das so im übertragenen Sinn. Es liegt eine Wahrheit hinter dieser Redensart. Sie fordert mich auf, meine Tür zu öffnen und Weihnachten herein zu lassen. Weihnachten will eingelassen, verinnerlicht werden.
Angelus Silesius drückt es so aus:
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
Das Kind, von dessen Geburt erzählt wird, ist Bild für neues Leben, Hoffnung, Zukunft, Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten. Dieses Kind will in mir geboren werden.
Gott, das Göttliche, die Kraft, die Leben will und Leben schenkt, kommt mitten in die Welt. Am abgelegensten und unerwartetsten Ort. In Palästina am Rand des römischen Weltreiches. Bei den Hirten, den «unreinenۛ» Aussenseitern der damaligen Gesellschaft.
Die zentrale Aussage von Weihnachten ist:
Gott will lebendig durch die Menschen zu den Menschen kommen.
So verstanden ist Weihnachten nicht nur etwas für den 24. und 25. Dezember. Die jährlichen Feiertage sind eine Erinnerung an etwas, das eine Relevanz für das alltägliche Leben durch das ganze Jahr hat.
Seien wir bereit, Gott durch uns in die Welt kommen zu lassen:
Jeden Tag – 365x im Jahr! Oder für den Anfang mal mindestens dieses Jahr an Weihnachten!
Advent – Zeit des Wartens und der Erwartung
Warten Sie gerne?
Auf wen oder was warten Sie gerne?
Wer wartet auf Sie?
Was fällt Ihnen leichter: zu warten oder andere warten zu lassen?
Haben Sie mehr Erwartungen an sich oder an andere?
Unter welchen Umständen gelingt es Ihnen, Ihre Erwartungen an andere zu formulieren?
Wie gehen Sie mit den Erwartungen von anderen an Sie um?
Erfüllen Sie Ihre eigenen Erwartungen?
Was erwarten Sie vom Leben?
Erwarten Sie vom Leben mehr Fragen oder mehr Antworten?
Erwarten Sie eher Negatives oder Positives von der Zukunft?
Erwarten Sie mehr vom Leben vor dem Tod oder vom Leben nach dem Tod? Weshalb?
Was verbinden Sie mit der Erfahrung oder dem Gefühl des «In-Erwartung-Seins»?
Wir warten im Advent auf die Menschwerdung Gottes an Weihnachten. Gott macht‘s also vor:
Es geht ums Mensch-Werden!
Auf was warten Sie noch?!
Pfarreiblatt Zug Kolumne 09-49
