Archiv der Kategorie: Theologisches

Das Zauberwort: Wamiwigewo

Ich bilde mich momentan aus zum Supervisor, Organisationsentwickler und Coach. Oder etwas einfacher und ohne Fremdworte gesagt, ich bilde mich aus zum professionellen Berater für Einzelne, Gruppen und Organisationen.

Zum Konzept meiner Ausbildung gehört die Dokumentation, d. h. eine regelmässige und schriftliche Selbstreflexion mit Hilfe der Frage: «Was ist mir wichtig geworden?» Daraus leitet sich das Zauberwort: «Wamiwigewo» ab.

Vielleicht schreiben Sie ja schon Tagebuch. Dann versuchen Sie einmal ihre Einträge unter diesem Titel zu formulieren: Was ist mir heute, in dieser Woche, in letzter Zeit wichtig geworden?

Mich regt die schriftliche Beantwortung dieser Frage unheimlich an. Durch die Schriftlichkeit bin ich gezwungen, meine Erfahrungen und Erlebnisse auf den Punkt zu bringen. Und durch die Frage nach der Wichtigkeit für mich schaffe ich einen intensiven Bezug der Ereignisse und Erfahrungen zu mir.

Nach Kurstagen in der Gruppe schreibt jede/r Teilnehmende sein/ihr «Wamiwigewo» und alle erhalten eine Zusammenstellung der einzelnen Beiträge. Diese Gruppendokumentation ist jeweils ein eindrückliches Zeugnis für die Vielfalt der Gruppe und für die Individualität der Wahrnehmung jedes/r Einzelnen.

Wagen Sie es und lassen Sie sich vom Zauberwort «Wamiwigewo» bereichern. Schreiben Sie einmal die Woche nur für sich ihr «Wamiwigewo» auf. Ohne sich mit einem literarischen Anspruch selber unter Druck zu setzen…

Gehen Sie noch einen Schritt weiter und tauschen sie sich mit einem/r guten Freund/in über ihre «Wamiwigewo» aus. So merken Sie noch besser, was Ihnen wirklich wichtig ist! Ich wünsche Ihnen dabei viele spannende und bereichernde Entdeckungen!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 08-19

Firmung als Be-Stärkung im Erwachsen-Werden

Kennen Sie die Maslowsche Bedürfnispyramide? Der US-amerikanischen Psychologe Abraham Maslow hat dieses Modell 1958 entwickelt. Die menschlichen Bedürfnisse bilden die «Stufen» der Pyramide und bauen aufeinander auf. Der Mensch versucht zuerst die Bedürfnisse der niedrigen Stufen zu befriedigen, bevor die nächsten Stufen Bedeutung erlangen.

Selbstverwirklichung
Soziale Anerkennung
Soziale Beziehungen
Sicherheit
Körperliche Bedürfnisse

Jetzt hatte ich diese Pyramide zwar schon gekannt. Aber ich habe sie im Zusammenhang mit dem Thema Erwachsen-Werden im Rahmen der Firmvorbereitung mit 18jährigen neu entdeckt.Ein Kind wird in der Regel für die untersten drei Stufen seiner Bedürfnisse von seinen Eltern versorgt. Es erhält Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Sicherheit und familiäre Beziehungen. Auch die Schule hilft mit, ein Minimum an sozialen Beziehungen zu ermöglichen.

Ein/e Jugendliche/r, der an der Schwelle zum Erwachsen-Werden steht, wird in diesem Spiel «zurück zum Start» geschickt. Selbständig muss er/sie nun für Ernährung, Dach über dem Kopf und Sicherheit sorgen. Auch soziale Beziehungen müssen weitgehend neu geknüpft werden.

Erwachsen-Werden heisst zuerst einmal, alle Sicherheiten zu verlieren und neu für alle eigenen Bedürfnisse verantwortlich zu sein. Kein Wunder kommt es da zu Überforderung (z. B. Schulden machen) und Verweigerung (Suchtmittelmissbrauch oder gar Suizid). Wer will da schon erwachsen werden? Da erhält Firmvorbereitung als Be-Stärkung im Erwachsen-Werden, als Ort der Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen plötzlich einen ganz neuen Wert!

Pfarreiblatt Zug Kolumne 07-47

Angst

Ich steige in Luzern in den Schnellzug nach Zug. Im übernächsten Abteil sehe ich ein kleines Mädchen. Sie ist vielleicht 8jährig. Bei der Abfahrt des Zuges steht sie auf und winkt am Fenster einer jungen Frau zum Abschied. Das Mädchen geht zurück an seinen Platz. Sie reist ganz alleine. Sie hat ein kleines Rucksäckchen bei sich, ein Plüschtier und ein grosses Kuscheltuch mit Batikmuster. Wir verlassen mittlerweile den Bahnhof. Das kleine Mädchen nuckelt am Daumen und kuschelt mit Plüschtier und Decke.

Ich bin selber Vater von zwei Mädchen in ähnlichem Alter. Ich überlege mir, mich zu dem Mädchen hinzusetzen und etwas ins Gespräch zu kommen. Ich denke, das könnte ihr die Angst vielleicht etwas nehmen. Im selben Moment kommen mir die Schlagzeilen der vergangenen Wochen zu dem vermissten Mädchen in den Sinn. Ich überlege mir, was wohl die Mutter dem Mädchen gesagt hat, wie es sich verhalten soll: «Sprich nicht mit Fremden!»

Mache ich ihr noch mehr Angst, wenn ich zu ihr gehe? Bin ich nicht einfach schon verdächtig, weil ich als Mann zu dem Mädchen gehe? Wie reagieren die Leute im Zug? Wieso mache ich nicht das Natürlichste und Naheliegendste?

Fragen der Angst. Ich bleibe sitzen.

15. August

Am 15. August feiern wir jeweils das jüngste Dogma der römisch-katholischen Kirche: 1950 wurde «die Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele» als förmliches Dogma verkündet.

Ein Dogma versucht, eine bleibende Wahrheit zu formulieren. Etwas, das für uns Menschen wichtig ist und bleibt. Seine Formulierung ist aber immer auch zeitbedingt. Sie sagt so viel darüber aus, wie das geschichtliche Umfeld und das Lebensgefühl der Menschen in jener Zeit war.

1950, fünf Jahre sind vergangen seit dem Ende des zweiten Weltkriegs; Millionen von Opfern gab es auf den Schlachtfeldern im Kriegsgeschehen; Millionen von Unschuldigen sind in der fabrikmässig organisierten Todesmaschinerie der KZ‘s umgekommen. Die Aufdeckung dieser verschiedenen Greueltaten am menschlichen Leben ist voll im Gang.

Unter dem Eindruck der Entwertung des menschlichen Lebens formuliert die Kirche das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele. Ein Plädoyer für den Wert des ganzen Menschen, aus Seele und Leib.

An der besonderen Frau, die Maria für die Kirche seit jeher ist, wird etwas über alle Menschen ausgesagt: Maria, mit Leib und Seele in den Himmel, den göttlichen Bereich, aufgenommen, geht darin uns allen voran.

Uns ist ein Leben als ganze Menschen zugesagt. Nicht nur die Seele zählt. Auch der Leib ist es Wert, in den Himmel zu kommen.

Leib und Seele, d. h. das Leben, jedes Menschen, hat einen unveräusserlichen Wert und eine unverlierbare Würde.

Gott wird Mensch in einem gewöhnlichen Juden aus der Unterschicht im Palästina der Zeitenwende. Genau hier wird Gott sichtbar! Wer wir auch sind, woher wir auch kommen, Gott kann und will auch heute immer wieder Mensch werden bei uns und in uns.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 07-32/33

Versuche über das KREUZZEICHEN

Zu beten mit den Gesten des grossen Kreuzzeichens

 

vater und mutter

gotteskind

heilige geistkraft

 

schöpferischer ursprung

menschliche nähe

gemeinschaftliche lebenskraft

 

getragen im glauben

bewegt von der hoffnung

aufgehoben in der liebe

 

lebenskraft

für gotteskinder

aus der be-geisterung

 

ausgerichtet auf den himmel

verwurzelt in der erde

verbunden mit der menschheit und allen geschöpfen

 

getragen vom leben

bewegt von der lebendigkeit

 

ein kopf

ein herz

und zwei hände soll mein glaube haben.

 

Versuchen Sie es auch mal, die «alten Worte» für sich zu neuem Leben zu erwecken!

Auch das ist Ostern: Auferweckung der Sprache des Glaubens zu neuem Leben.

 

Ich bin gespannt auf Ihre Ideen: roman.ambuehl@gmx.ch

Herzlich

Ihr Roman Ambühl

Pfarreiblatt Zug Kolumne 07-19

Glauben Sie an Gott?

Ist es Ihnen auch schon passiert: Sie werden von einem von sich und seinem Glauben überzeugten, wildfremden Zeitgenossen auf der Strasse angehauen und gefragt: «Glauben Sie an Gott?» Ich sehe mich glänzenden Augen gegenüber, die mich voller Erwartung anschauen. Ich weiss mich in der Falle. Sage ich nein, setze ich mich einem missionarischen Redeschwall aus, der mich angesichts des grassierenden Sittenzerfalls und des darum drohenden Weltendes zur Bekehrung bewegen will. Sage ich ja, riskiere ich wohlwollend vereinnahmt zu werden und schulterklopfend ein Gottes- und Weltbild untergeschoben zu bekommen, das nicht meines ist. Meine Reaktion auf diese Frage ist darum eher ein schweigendes Weitergehen.

In meiner Phantasie habe ich aber schon oft, den Fragenden hinter mir lassend und weitergehend, geantwortet: Ja ich glaube an Gott – aber ich vermute, nicht an denselben wie Sie. Mein Gott trägt mich in meinem Leben, ohne mein Handeln über Drohung und Angstmache beeinflussen zu müssen. Gott schenkt mir Freiheit und damit Verantwortung, die darum weiss, dass sie immer in vielfältige Zusammenhänge eingebunden ist. Freiheit, die auf Vertrauen baut und weiss, dass sie sich letztlich der Quelle des Lebens (Gott) verdankt.

Gefunden?!

Gefunden?!

Mit einem Fragezeichen und mit einem Ausrufezeichen.

Gefunden?!

Was erhoffen Sie sich noch zu finden in Ihrem Leben?

Geht es Ihnen gut? – Was fehlt Ihnen zum Glück?

Suchen Sie überhaupt noch?

Wo müssen Sie Grenzen,
eigene oder diejenigen anderer, akzeptieren?

Wo stehen Sie sich selber im Weg?

Gefunden?!

Finden kann nur, wer sucht!

Suchen heisst, bekannte Sicherheiten hinter sich lassen.

Suchen heisst, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Nehmen Sie sich doch (wieder) einmal Zeit,
für sich aufzuschreiben, was Sie noch suchen.
Und dann tauschen Sie mit einer Ihnen nahestehenden Person darüber aus.

Gefunden?!

Das Erste und Wichtigste,
das Sie auf dieser Suche finden können, sind Sie selber.

Stefan Zweig hat einmal geschrieben:

«Wer einmal sich selber gefunden hat,
der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.»

Und wer nichts mehr verlieren kann,
die muss keine Angst haben.

Wer nichts verlieren kann, der kann Altes loslassen.

Wer nichts verlieren kann, die ist bereit für Neues.

Wer nichts verlieren kann,
der kann nur finden und etwas bekommen.

Wer nichts verlieren kann, die kann mit offenen Händen geben.

Wer nichts verlieren kann, der kann mit offenem Herzen auf andere zugehen.

Wer nichts verlieren kann, die kann vertrauen.

Wer nichts verlieren kann, der hat den Frieden gefunden.

Gefunden!

«Wer einmal sich selber gefunden hat,
der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.»

Pfarreiblatt Zug Kolumne 07-5/6

Tu’, was du willst!

Tu’, was du willst!

Dieser Satz ist oft mit einem etwas resignierten Unterton als Schlusspunkt einer vergeblichen Überzeugungsarbeit zu hören: «Dann mach doch, was du willst.» Diesen Satz meine ich nicht.

Dieser Satz kann verstanden werden als Freipass für verantwortungslosen Egoismus, als Schlachtruf für eine falsch verstandene, scheinbar «absolute» Freiheit: «Mach was dir gerade einfällt!» Diesen Satz meine ich auch nicht.

Ich meine den Satz, der mir Kraft geben will, der mich auf mich selber zurückwirft und klare Fragen stellt: Was will ichdenn eigentlich? Was will ich eigentlich wirklichWill ich das wirklich, was ich tue? Ist es meine Überzeugung, die mein Handeln leitet?

Dieser Satz meint Verantwortung mit. Er ist in einem bestimmten Bewusstsein gesprochen. Im Bewusstsein, dass ich und dass jedes Ich eingebunden ist. Eingebunden in ein grösseres Ganzes. Teil einer Gemeinschaft, Teil eines Universums von denen ich in dem Sinn abhängig bin, dass es mich ohne das Ganze gar nicht gäbe.

Dieses Eingebundensein ist mir gleichzeitig auch Halt und gibt Sicherheit. Es ist letztlich der Grund meiner Freiheit. Erst, wenn ich tue, was ich wirklich will, gerade auch im Hinblick auf dieses grössere Ganze, lebe ich meine Freiheit.

Dieses «Tu’, was du willst» schafft Veränderung gerade durch die Treue zu mir selber. Denn «Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist. Veränderung… findet statt, wenn man sich die Zeit nimmt und die Mühe macht, zu sein, was man ist; und das heisst, sich voll und ganz auf sein gegenwärtiges Sein einzulassen.» (Arnold R. Beisser)

Darum: «Sei, wer du bist und tu’, was du willst!»

Pfarreiblatt Zug Kolumne 06-46

Leben und Tod

Beerdigungen und ihre Gestaltung gehören zu meinen Aufgaben als Pastoralassistent.Ab und zu werde ich von Bekannten gefragt: «Ist das nicht schwierig oder belastend, wenn du Beerdigungen machen musst?»

Sicher ist es nicht immer einfach. Die tragischen Umstände eines Todesfalls oder die schwierige Situation der Hinterbliebenen machen mich oft auch betroffen.

Und dennoch ist dieser Teil meiner Arbeit für mich etwas vom spannendsten, lehrreichsten und befriedigendsten.

Egal, ob ein Mensch lange Jahre gelebt hat oder ob er «viel zu früh» gestorben ist. Ich finde es interessant, dass es in beiden Fällen solche gibt, die mit einer Ruhe und Gelassenheit dem Tod entgegen gehen. Menschen, die zufrieden auf ihr Leben zurückblicken konnten, weil sie es eben gelebt hatten.

In meiner Aufgabe ist mir der Dienst an den Hinterbliebenen eigentlich das Zentrale: Miteinander den Verstorbenen noch einmal aufleben lassen, ihn gemeinsam (neu) entdecken, voneinander Erlebnisse mit dem Verstorbenen erfahren, die bisher unerzählt geblieben waren. Gemeinsam ein Gesamtbild zu entwerfen versuchen, um dann im Guten von ihm oder ihr Abschied nehmen zu können.

Ich erhalte so oft einen tiefen Einblick in ein Leben, das nun zu Ende ist. Es wird offenbar, was gelungen ist und zu Ende gebracht werden konnte und was unvollendet bleiben musste.

Dieser Einblick regt mich immer wieder selber an, über meine Schwerpunkte im Leben nachzudenken und vielleicht sogar neue Gewichtungen vorzunehmen.

Manchmal denke ich, auf der «Packung» des Lebens müsste einfach eine Warnung stehen:

Der Tod gehört zum Leben!
Sich mit dem Tod zu befassen,
kann Ihr Leben intensivieren.

Pfarreiblatt Zug Kolumne 06-37